Lebenswert #02: Moving to Börlin

11 Posted by - 4. Dezember 2016 - KOLUMNE

Zunächst einmal ein freundliches Hallo an alle Leser meiner neuen Kolumne Lebenswert. Vielen Dank für die tolle Resonanz an der letzten, ersten Kolumne. Wie bereits dort an gekündigt, geht es im aktuellen Artikel um das Große Wandern in die Hauptstadt. Ein wirklich wichtiges und interessantes Thema, da es mich auch persönlich betrifft. Ich habe mal einen guten Freund mit Sack und Pack nach Berlin gefahren. Er stürzte sich buchstäblich in dieses Abenteuer. Aber dazu später mehr.

Moving to Börlin: live free!

Was treibt so viele an, nach einem Kurztrip in die Hauptstadt die Woche darauf auf Facebook zu verkünden „Ich ziehe nach Berlin!“?
Ein Besuch im Berghain? Das man nicht beim Genuss eines Joint im Park angezeigt wird? Die „Offenheit“ der Berliner? Was sind eigentlich Berliner? Meist diejenigen, die dich mit dem Taxi fahren und eigentlich gar keinen Bock auf Touristen haben – aber irgendwo auch davon leben. Typisch, du schöne, kontroverse Welt. Aber hey – ist doch egal wo man her kommt – wichtig ist, wo man hin will…

Aber genau da fängt es an: Die meisten die diesen Schritt unternehmen, wissen das gar nicht genau. Ja, ist doch auch nicht schlimm, sagt nun die Hippie-Stimme in mir – live free! Schön und gut. Solange man bei einem Kumpel pennen kann oder die Eltern „cashen“. Aber was passiert mit dem Mensch? Wenn ich auf Instagram sehe was aus manchen Mädchen geworden ist, tun mir deren Mütter echt leid.

Ein sich ständig dar-bietendes Feierangebot feinster Güte – von Montag bis Sonntag. Der Untergang für einen Ziellosen, der gute elektronische Musik mag und sich keine Gedanken über den morgigen Tag machen möchte.

Ob Chris Liebing mit CLR oder Richie Hawtin mit Berlin als langer Wahlheimat – sie beide haben die Hauptstadt als ihre Basis gewählt. Das ist sicher auch gut für die ganze Nation und nur um das mal an zu merken – Berlin ist fantastisch und wir sind alle dankbar für die „Techno City Number One“ und das was Sie für unsere Kultur schafft und dar stellt! In Berlin spielt sich alles ab. Und das ist gut so. Gerne reihen wir uns als Zweit-wichtigste Techno Stadt nach unserer großen Schwester ein 🙂 Kein Ding. So sind wir in Frankfurt. Großmäulig – aber Großherzig. Eigentlich kaum anders als unsere Berliner Freunde.

WE LOVE FRANKFURT

Aber sollte man nicht auch manchmal zweimal überlegen, bevor man einer großen Bewegung folgt? Gerade wenn es darum geht, das in Berlin fast jeden Tag die besten Clubs auf haben? Also ich liebe Frankfurt und würde höchstens nach Berlin ziehen wenn meine Freundin das wollen würde. Aber nicht, weil man da so toll feiern kann. Das ist nicht erstrebenswert. Um ehrlich zu sein, der Hype um Berlin nervt ein wenig. Vor allem die Berliner selbst. Aber so ist das nun mal – Erfolg bringt immer auch Nachteile mit sich. Siehe David Guetta. (Nein, ich habe Berlin gerade nicht mit David Guetta verglichen). Oder besser Paul Kalkbrenner. Ob als Berlin, oder Guetta – du hast kein Privatleben mehr. Auch nicht, wenn du in Berlin in einer 5er WG wohnst. Und wenn dann trotz Studienabbruch oder mangelndem Cash für die Miete die größte Sorge ist, genug frische schwarze Klamotten zu haben um auch ins Berghain rein zu kommen, würde ich mir irgendwann Gedanken machen.

Klar, kann auch gut gehen. Du wirst plötzlich als Gesangstalent entdeckt, heiratest einen reichen Sohn oder produzierst plötzlich mit einem der angesagtesten Acts und bist bei einem Label gesingned – nicht wegen deiner musikalischen, sondern deiner, sagen wir mal sozial-kompetenten Fähigkeiten (körperlicher Natur – Anm. der Redaktion). Also um es direkt zu sagen, wenn du dich tief genug bückst, wirst du irgendwann auch den Boden erreichen.

Als ich meinen Kumpel in Berlin abgeladen habe, war er voller Motivation, hatte eine recht coole Gechäftsidee und zunächst lief auch alles ganz entspannt. Als das Business mit dem dortigen Kollegen allerdings stagnierte und sich die Dinge änderten, blieb „nur“ noch das sinnbetäubende und freie Tag- und Nachtleben Berlins. Nur ohne Income? Ohne Cash-Flow? Ohne Ende?? Der Anfang vom Ende. Er kam irgendwann ein Jahr später als ein fast anderer Mensch zurück. Es hat viel Zeit, ein paar gefühlvolle ehrliche Worte und Beschäftigung mit ihm gebraucht und Gott sei Dank ist er wieder der Alte.

Mittlerweile lebt er wieder oder immer noch in Berlin und wird Vater. Sicher wird er einer der besten Väter den sich ein Kind wünschen kann. Egal wo er her kommt, oder hin will. Das ist erstrebenswert. Sein Leben zu leben, aber auch zu wissen, wann man es irgendwann mal auch mit den anderen oder für andere leben sollte. Das echte Leben. Fernab der Feierei, die uns niemals das zeigt was wir wollen, sondern nur, was wir nicht wollen. Und darum geht es in der nächsten Kolumne.

Bleibt Frankfurt treu. Bleibt eurer Familie treu. Bleibt eurem Partner treu. Bleibt der Musik treu! Aber vor allem, bleibt euch selbst treu.

Sascha Lebemann

– Nächste Kolumne: Ist „Feiern“ nur eine Illusion? –

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